Forschung

Das kölsche Grundgesetz als Therapeutikum?

Domurath/Wicha 

Humor gehört zu den therapeutisch am häufigsten unterschätzten Phänomenen. Er taucht in der Fachliteratur überwiegend als Randgröße auf – als Stilmittel, als Risikofaktor, gelegentlich als Abwehrmechanismus. Was dabei selten in den Blick gerät, ist die Frage, ob bestimmte Formen des Humors eine eigenständige therapeutische Funktion erfüllen könnten, die über situative Entlastung hinausgeht.


Eine unübliche Quelle legt nahe, dass diese Frage lohnt. Das sogenannte kölsche Grundgesetz – eine Sammlung von elf mundartlichen Redensarten unbekannter Herkunft – wird üblicherweise als folkloristisches Kuriosum behandelt. Bei genauerer Betrachtung formulieren mehrere seiner Artikel jedoch Haltungen, die sich mit zentralen Konzepten der Psychotherapieforschung überraschend präzise berühren. Nicht alle elf Artikel tragen therapeutisch. Aber die, die es tun, tun es mit einer Knappheit, die dem akademischen Diskurs in der Regel fehlt.


Artikel 1 lautet: Et es wie et es – Es ist, wie es ist. Der Satz formuliert, was in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie als akzeptanzbasierte Haltung beschrieben wird: die Bereitschaft, das Gegebene als gegeben wahrzunehmen, ohne es zu bekämpfen oder zu verleugnen. Bemerkenswert ist die Form. Der Satz argumentiert nicht für Akzeptanz, er praktiziert sie. Er bietet keine Begründung an, er stellt fest. Darin liegt möglicherweise seine Wirksamkeit: Er umgeht den Widerstand, den normative Aufforderungen regelmäßig provozieren.


Artikel 2 – Et kütt wie et kütt – verschiebt den Blick von der Gegenwart in die Zukunft: Es kommt, wie es kommt. Auf den ersten Blick wirkt das fatalistisch. Aber der Satz lässt sich auch als Beschreibung einer bestimmten Toleranz gegenüber Unsicherheit lesen. Klinisch entspräche das dem Konstrukt der Ambiguítätstoleranz – der Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten, ohne in Kontrollverhalten oder Vermeidung auszuweichen. Der Satz empfiehlt nicht, die Kontrolle aufzugeben. Er konstatiert, dass sie in bestimmten Bereichen nie bestanden hat.


Artikel 3 – Et hätt noch emmer joot jejange – richtet den Blick zurück: Es ist noch immer gut gegangen. Strukturell handelt es sich um eine rückblickende Selbstvergewisserung. Das Subjekt konstatiert seine eigene Überlebensfähigkeit. In der Selbstwirksamkeitsforschung nach Bandura wäre das eine Bewältigungserfahrung (mastery experience): Wer erlebt hat, dass er zurechtgekommen ist, traut sich künftige Bewältigung eher zu. Interessant ist die Unschärfe des joot: Gut gegangen heißt hier nicht optimal, sondern überlebt. Der Satz senkt den Maßstab – und erhöht dadurch die Zuversicht.


Artikel 4 – Wat fott es, es fott – beschreibt eine Haltung gegenüber dem Vergangenen: Was weg ist, ist weg. Das ist keine Aufforderung zur Verdrängung. Es ist die Unterscheidung zwischen dem, was noch veränderbar ist, und dem, was keine Energie mehr binden muss. Therapeutisch berührt das die Arbeit an Rumination und Trauerblockaden, aber auch die schlichtere Frage, wann Loslassen nicht Aufgeben bedeutet, sondern Ressourcenschonung.


Artikel 5 – Et bliev nix wie et wor – fügt den vorangegangenen Artikeln eine prozessuale Dimension hinzu: Nichts bleibt, wie es war. Nach der Akzeptanz des Gegebenen (Artikel 1), der Toleranz des Kommenden (Artikel 2), der Rückversicherung am Überstandenen (Artikel 3) und dem Loslassen des Verlorenen (Artikel 4) formuliert Artikel 5 die Grundannahme, die alle vier trägt: dass Veränderung der Normalfall ist. Klinisch ist das keine triviale Einsicht. Viele Klienten kommen mit der impliziten Annahme, dass Stabilität der Grundzustand sei und Veränderung die Störung. Artikel 5 dreht das Verhältnis um – nicht programmatisch, sondern lakonisch.


Artikel 7 – Wat wellste maache? – verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er auf den ersten Blick therapeutisch kontraindiziert wirkt. Was willst du machen? Das klingt nach Resignation. Aber der Satz lässt sich anders lesen: nicht als Kapitulation, sondern als pragmatische Reduktion auf den Handlungsspielraum. Nachdem alles Unkontrollierbare benannt ist, fragt Artikel 7 nach dem, was bleibt. Was kannst du tatsächlich tun? In dieser Lesart führt er direkt zur Frage der Volition – und damit in den Kern therapeutischer Arbeit.


Artikel 11 – Do laachs de disch kapott – schließt den Kanon: Da lachst du dich kaputt. Bewahre dir eine gesunde Einstellung zum Humor. Zusammen mit dem inoffiziellen Zusatzartikel Jede Jeck es anders bildet er den Rahmen, in dem die übrigen Artikel stehen. Der Humor ist nicht Beiwerk, sondern Trägermedium. Und die Anerkennung individueller Verschiedenheit – jeder Mensch ist auf seine Weise eigen – ist die anthropologische Grundannahme, ohne die das Ganze in Gleichmacherei kippen würde.


Frankl hat in der Existenzanalyse die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung als spezifisch menschliche Kompetenz beschrieben: die Möglichkeit, sich zu sich selbst zu verhalten, eine reflexive Position gegenüber dem eigenen Erleben einzunehmen. Humor war für ihn eine der privilegierten Ausdrucksformen dieser Fähigkeit. Was das kölsche Grundgesetz nahelegt, ist, dass diese Selbstdistanzierung möglicherweise nicht primär kognitiv, sondern kulturell und relational begründet ist. Die Sätze funktionieren nicht als isolierte Einsichten, sondern als geteilte Praxis. Man spricht sie nicht zu sich selbst, man spricht sie zueinander.


Für die klinische Praxis ergibt sich daraus eine differenzierte Perspektive. Humor kann in der therapeutischen Beziehung mindestens zwei gegenläufige Funktionen erfüllen: Er kann öffnen oder verschließen, Selbstdistanzierung ermöglichen oder Vermeidung maskieren. Die Unterscheidung lässt sich nicht am Inhalt festmachen, sondern am relationalen Kontext: Entsteht der Humor aus einer Position, die Kontakt ermöglicht, oder aus einer, die ihn verhindert? Das kölsche Grundgesetz legt nahe, dass die öffnende Variante an Wärme gebunden ist – das Lachen geschieht nicht auf Kosten des Anderen, sondern in seinem Beisein. Humor als Interventionstechnik zu isolieren, greift entsprechend zu kurz. Seine therapeutische Funktion entfaltet er innerhalb einer Beziehung, die durch Zutrauen und Präsenz gekennzeichnet ist.


Am Rhein fasst man das in einem Wort zusammen: Levvensaat. Lebensart. Die akademische Terminologie kennt Verwandte – ars vivendi, Lebenskunst –, aber was das kölsche Wort transportiert, ist weniger eine Theorie als ein Klima.

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Das kölsche Grundgesetz als Therapeutikum?

Domurath/Wicha 

Humor gehört zu den therapeutisch am häufigsten unterschätzten Phänomenen. Er taucht in der Fachliteratur überwiegend als Randgröße auf – als Stilmittel, als Risikofaktor, gelegentlich als Abwehrmechanismus. Was dabei selten in den Blick gerät, ist die Frage, ob bestimmte Formen des Humors eine eigenständige therapeutische Funktion erfüllen könnten, die über situative Entlastung hinausgeht.


Eine unübliche Quelle legt nahe, dass diese Frage lohnt. Das sogenannte kölsche Grundgesetz – eine Sammlung von elf mundartlichen Redensarten unbekannter Herkunft – wird üblicherweise als folkloristisches Kuriosum behandelt. Bei genauerer Betrachtung formulieren mehrere seiner Artikel jedoch Haltungen, die sich mit zentralen Konzepten der Psychotherapieforschung überraschend präzise berühren. Nicht alle elf Artikel tragen therapeutisch. Aber die, die es tun, tun es mit einer Knappheit, die dem akademischen Diskurs in der Regel fehlt.


Artikel 1 lautet: Et es wie et es – Es ist, wie es ist. Der Satz formuliert, was in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie als akzeptanzbasierte Haltung beschrieben wird: die Bereitschaft, das Gegebene als gegeben wahrzunehmen, ohne es zu bekämpfen oder zu verleugnen. Bemerkenswert ist die Form. Der Satz argumentiert nicht für Akzeptanz, er praktiziert sie. Er bietet keine Begründung an, er stellt fest. Darin liegt möglicherweise seine Wirksamkeit: Er umgeht den Widerstand, den normative Aufforderungen regelmäßig provozieren.


Artikel 2 – Et kütt wie et kütt – verschiebt den Blick von der Gegenwart in die Zukunft: Es kommt, wie es kommt. Auf den ersten Blick wirkt das fatalistisch. Aber der Satz lässt sich auch als Beschreibung einer bestimmten Toleranz gegenüber Unsicherheit lesen. Klinisch entspräche das dem Konstrukt der Ambiguítätstoleranz – der Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten, ohne in Kontrollverhalten oder Vermeidung auszuweichen. Der Satz empfiehlt nicht, die Kontrolle aufzugeben. Er konstatiert, dass sie in bestimmten Bereichen nie bestanden hat.


Artikel 3 – Et hätt noch emmer joot jejange – richtet den Blick zurück: Es ist noch immer gut gegangen. Strukturell handelt es sich um eine rückblickende Selbstvergewisserung. Das Subjekt konstatiert seine eigene Überlebensfähigkeit. In der Selbstwirksamkeitsforschung nach Bandura wäre das eine Bewältigungserfahrung (mastery experience): Wer erlebt hat, dass er zurechtgekommen ist, traut sich künftige Bewältigung eher zu. Interessant ist die Unschärfe des joot: Gut gegangen heißt hier nicht optimal, sondern überlebt. Der Satz senkt den Maßstab – und erhöht dadurch die Zuversicht.


Artikel 4 – Wat fott es, es fott – beschreibt eine Haltung gegenüber dem Vergangenen: Was weg ist, ist weg. Das ist keine Aufforderung zur Verdrängung. Es ist die Unterscheidung zwischen dem, was noch veränderbar ist, und dem, was keine Energie mehr binden muss. Therapeutisch berührt das die Arbeit an Rumination und Trauerblockaden, aber auch die schlichtere Frage, wann Loslassen nicht Aufgeben bedeutet, sondern Ressourcenschonung.


Artikel 5 – Et bliev nix wie et wor – fügt den vorangegangenen Artikeln eine prozessuale Dimension hinzu: Nichts bleibt, wie es war. Nach der Akzeptanz des Gegebenen (Artikel 1), der Toleranz des Kommenden (Artikel 2), der Rückversicherung am Überstandenen (Artikel 3) und dem Loslassen des Verlorenen (Artikel 4) formuliert Artikel 5 die Grundannahme, die alle vier trägt: dass Veränderung der Normalfall ist. Klinisch ist das keine triviale Einsicht. Viele Klienten kommen mit der impliziten Annahme, dass Stabilität der Grundzustand sei und Veränderung die Störung. Artikel 5 dreht das Verhältnis um – nicht programmatisch, sondern lakonisch.


Artikel 7 – Wat wellste maache? – verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er auf den ersten Blick therapeutisch kontraindiziert wirkt. Was willst du machen? Das klingt nach Resignation. Aber der Satz lässt sich anders lesen: nicht als Kapitulation, sondern als pragmatische Reduktion auf den Handlungsspielraum. Nachdem alles Unkontrollierbare benannt ist, fragt Artikel 7 nach dem, was bleibt. Was kannst du tatsächlich tun? In dieser Lesart führt er direkt zur Frage der Volition – und damit in den Kern therapeutischer Arbeit.


Artikel 11 – Do laachs de disch kapott – schließt den Kanon: Da lachst du dich kaputt. Bewahre dir eine gesunde Einstellung zum Humor. Zusammen mit dem inoffiziellen Zusatzartikel Jede Jeck es anders bildet er den Rahmen, in dem die übrigen Artikel stehen. Der Humor ist nicht Beiwerk, sondern Trägermedium. Und die Anerkennung individueller Verschiedenheit – jeder Mensch ist auf seine Weise eigen – ist die anthropologische Grundannahme, ohne die das Ganze in Gleichmacherei kippen würde.


Frankl hat in der Existenzanalyse die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung als spezifisch menschliche Kompetenz beschrieben: die Möglichkeit, sich zu sich selbst zu verhalten, eine reflexive Position gegenüber dem eigenen Erleben einzunehmen. Humor war für ihn eine der privilegierten Ausdrucksformen dieser Fähigkeit. Was das kölsche Grundgesetz nahelegt, ist, dass diese Selbstdistanzierung möglicherweise nicht primär kognitiv, sondern kulturell und relational begründet ist. Die Sätze funktionieren nicht als isolierte Einsichten, sondern als geteilte Praxis. Man spricht sie nicht zu sich selbst, man spricht sie zueinander.


Für die klinische Praxis ergibt sich daraus eine differenzierte Perspektive. Humor kann in der therapeutischen Beziehung mindestens zwei gegenläufige Funktionen erfüllen: Er kann öffnen oder verschließen, Selbstdistanzierung ermöglichen oder Vermeidung maskieren. Die Unterscheidung lässt sich nicht am Inhalt festmachen, sondern am relationalen Kontext: Entsteht der Humor aus einer Position, die Kontakt ermöglicht, oder aus einer, die ihn verhindert? Das kölsche Grundgesetz legt nahe, dass die öffnende Variante an Wärme gebunden ist – das Lachen geschieht nicht auf Kosten des Anderen, sondern in seinem Beisein. Humor als Interventionstechnik zu isolieren, greift entsprechend zu kurz. Seine therapeutische Funktion entfaltet er innerhalb einer Beziehung, die durch Zutrauen und Präsenz gekennzeichnet ist.


Am Rhein fasst man das in einem Wort zusammen: Levvensaat. Lebensart. Die akademische Terminologie kennt Verwandte – ars vivendi, Lebenskunst –, aber was das kölsche Wort transportiert, ist weniger eine Theorie als ein Klima.