Forschung

Rollen, Dynamik, Ausstieg

Drama-Dreieck und Gewinner-Dreieck als therapeutische Werkzeuge
Domurath/Wicha 

Der Mechanismus

Das Drama-Dreieck, 1968 von Stephen B. Karpman in der Transactional Analysis Bulletin erstmals publiziert, beschreibt keine Charaktere. Es beschreibt einen Mechanismus: die Dynamik, die entsteht, wenn drei Rollen – Verfolger, Retter, Opfer – in einer Interaktion besetzt werden und ihre Besetzer die Positionen wechseln. Der Wechsel ist konstitutiv. Nicht die Rolle, in der jemand beginnt, erzeugt das Drama; erzeugt wird es durch den switch, der kommt, sobald die Rollenkomplementarität nicht mehr trägt. Der Retter, dem das Opfer nicht dankbar ist, wird zum Verfolger. Das Opfer, das genug hat, wechselt in die Verfolgung. Der Verfolger, der sich im Unrecht fühlt, nimmt das Opfer ein. Jede Rolle enthält die Einladung zur nächsten.

Karpman hat diesen Mechanismus aus der Skriptanalyse entwickelt: aus der Beobachtung, dass Interaktionsmuster in Märchen dieselbe Struktur haben wie Interaktionsmuster in der Therapie. Die dramaturgische Herkunft ist therapeutisch nicht folgenlos. Sie bedeutet, dass das Drama-Dreieck ein Beschreibungswerkzeug ist, kein diagnostisches Instrument. Es sagt nichts über Störungsbilder aus. Es macht eine Interaktionsdynamik sichtbar – und es macht sie benennbar.

Genau darin liegt sein erster therapeutischer Wert. Lac und Donaldson haben 2022 eine validierte Skala für die drei Rollen vorgelegt und nachgewiesen, dass die Dreifaktorstruktur empirisch stabil ist. Die Opferrolle korrelierte am stärksten mit unsicherer Bindung, Angst und depressiven Symptomen. Das ist kein Zufall. Wer sich primär als hilflos erlebt, aktiviert das System; Verfolger und Retter folgen in der Ergänzungslogik. Das Modell gibt einem, was Klienten häufig fehlt: eine Sprache für etwas, das sie fühlen, aber nicht benennen konnten.

Die Rollen im Einzelnen

Die Opferrolle ist die emotionale Zentrale des Dreiecks. Jemand in dieser Position erlebt sich als nicht handlungsfähig – nicht im Sinne einer bewussten Entscheidung, sondern als unmittelbare Erfahrung. Probleme erscheinen unlösbar, Bemühungen vergeblich. Diese Haltung zieht Retter an und rechtfertigt Verfolger. Sie ist kein Simulieren; sie ist eine erlernte Wahrnehmungsweise, die sich in spezifischen Beziehungskonstellationen bewährt hat.

Die Retterrolle ist nicht altruistisch, auch wenn sie so aussieht. Wer rettet, benötigt jemanden, der gerettet werden muss; die Hilfe setzt die Bedürftigkeit des anderen voraus und hält sie aufrecht. Klienten in dieser Position erleben sich häufig als die Funktionierenden, die Zuverlässigen – bis die Erschöpfung kommt oder die Undankbarkeit, und die Erschöpfung oder Undankbarkeit den Wechsel auslöst.

Die Verfolgerrolle ist die am wenigsten bekannte Einstiegsposition, obwohl sie häufig auftritt. Jemand, der Grenzen setzt, der Verantwortung einfordert, der Kritik äußert, nimmt strukturell die Verfolgerposition ein – auch wenn das Verhalten sachlich berechtigt ist. Die klinische Relevanz liegt darin, dass Klienten Verfolgerverhaltensweisen häufig bei sich nicht erkennen oder massiv abwehren. Die Untersuchung von Stefanovic-Stanojevic und Kollegen zeigt, dass Bindungsvermeidung die Retter- und Verfolgerrollen negativ voraussagt – das ließe sich so lesen: Wer Bindung meidet, tritt seltener in aktive Komplementarität. Auch das ist therapeutisch nutzbar.

Wann das Modell greift – und wann nicht

Das Drama-Dreieck greift in der Therapie an einem spezifischen Punkt: wenn eine Interaktionsdynamik beschrieben werden soll, die sich wiederholt, ohne dass die Beteiligten den Wiederholungscharakter erkennen. Die Wiederholung ist das Kennzeichen. Wer immer wieder in Beziehungen als Retter beginnt und als Opfer endet; wer Konflikte regelmäßig durch eine Positionsverschiebung eskaliert statt löst – für den ist das Modell ein Spiegel mit diagnostischem Wert.

Was das Modell nicht leistet: Es erklärt nicht, warum jemand in das Muster eingestiegen ist. Es benennt die Struktur, nicht die Ätiologie. Die Ätiologie gehört in andere Konzepte – Bindungstheorie, Mentalisierung, Skriptanalyse im weiteren Sinne. McKimm und Forrest haben das Modell für klinische Supervision fruchtbar gemacht, gerade weil es ohne ätiologische Erklärung auskommt und trotzdem orientiert: Es macht kein Angebot über die Geschichte, nur über das Jetzt.

Das Gewinner-Dreieck: Orientierung auf ein Anderes hin

Acey Choy hat 1990 das Gewinner-Dreieck als Gegenmodell zum Drama-Dreieck entwickelt. Choy selbst nennt es eine „antithesis“ – aber nicht als bloße Negation, sondern als Transformation: Was wäre, wenn jemand an einem der drei Eintrittspunkte des Dramas eine andere Haltung einnimmt? Die Antwort hat drei Positionen.

Verletzlichkeit statt Opferhaltung. Wer verletzlich ist, erkennt eigene Bedürfnisse und Gefühle an, ohne daraus Handlungsunfähigkeit abzuleiten. Die Differenz zur Opferhaltung liegt im Selbstwirksamkeitserleben: Das Opfer sagt, es gibt keinen Ausweg. Die verletzliche Person sagt, es ist schwer, und fragt trotzdem, was getan werden kann. Diese Verschiebung ist klein genug, um erreichbar zu sein, und groß genug, um die Dynamik zu unterbrechen.

Durchsetzung statt Verfolgung. Wer durchsetzt, benennt Bedürfnisse und Grenzen direkt, ohne Schuld zuzuweisen oder zu bestrafen. Die klinische Arbeit an dieser Position besteht oft darin, die Unterscheidung überhaupt erst herzustellen – Klienten in der Verfolgerrolle erleben ihr Verhalten häufig als Durchsetzung, während es strukturell Verfolgung ist. Und umgekehrt: Wer Durchsetzung für automatisch feindselig hält, kommt aus der Opferposition nicht heraus.

Fürsorge statt Rettung. Wer fürsorglich ist in Choys Sinn, fragt, wie geholfen werden kann – anstatt Lösungen zu übernehmen. Die Fürsorge respektiert die Handlungsfähigkeit des anderen; die Rettung setzt sie außer Kraft. Das ist keine semantische Feinheit. Für Klienten mit ausgeprägten Rettermustern ist die Frage, wann Hilfe angeboten und wann sie aufgedrängt wird, oft eine der produktivsten im therapeutischen Prozess.

Therapeutische Verwendung: Sequenz und Kontext

Beide Modelle haben unterschiedliche therapeutische Funktionen, und diese Funktionen gehören in eine Sequenz. Das Drama-Dreieck dient der Orientierung – es macht sichtbar, was geschieht, und es gibt dem Sichtbaren einen Namen. Das Gewinner-Dreieck dient der Ausrichtung – es zeigt, was stattdessen möglich ist. Wer das zweite vor dem ersten einsetzt, riskiert, dass die Orientierung zum Sollen wird, bevor das Verstehen abgeschlossen ist.

Ein praktischer Einstieg in der Therapie folgt diesem Ablauf: Zunächst eine konkrete Situation, in der sich das Muster gezeigt hat. Dann die Frage, wer welche Rolle eingenommen hat – und wann der Wechsel kam. Nicht als Vorwurf, nicht als Erklärung, sondern als Beschreibung. Der Klient ist in diesem Schritt Beobachter seiner eigenen Dynamik; das ist der therapeutische Wert, nicht die Einsicht in die Begriffe.

Erst wenn das Muster erkannt ist, wird das Gewinner-Dreieck produktiv: als Frage, nicht als Anleitung. Was wäre an dieser Stelle Verletzlichkeit statt Opferhaltung gewesen? Was wäre Durchsetzung statt Verfolgung? Diese Fragen eröffnen einen Suchraum; sie schreiben keine Antwort vor. Der Klient bleibt Subjekt – er entscheidet, welche der Alternativen passt, nicht ob er die Terminologie akzeptiert.

Zwei Einschränkungen gehören in jede klinische Verwendung. Erstens: Beide Modelle beschreiben Interaktionsdynamiken, keine Personen. Die Frage ist nicht, ob jemand ein Opfer ist, sondern ob jemand die Opferrolle einnimmt – in einer spezifischen Situation, zu einem spezifischen Zeitpunkt. Die Verwechslung von Rollenbeschreibung und Charakterdiagnose ist die häufigste Fehlanwendung. Zweitens: Wo Bindungsangst alle drei Rollen gleichermaßen wahrscheinlich macht, reicht ein Modell der richtigen Haltung nicht. Die Haltungsänderung ist dann ein Ziel, aber kein Weg; der Weg liegt tiefer.

Was bleibt

Das Drama-Dreieck beschreibt, was ist. Das Gewinner-Dreieck zeigt, was möglich ist. Beide Modelle sind strukturell einfach genug, um in der klinischen Praxis handhabbar zu sein, und komplex genug, um nicht in eine Sitzung zu passen. Ihr therapeutischer Wert liegt nicht in der Begrifflichkeit, sondern in der Funktion, die sie erfüllen: Muster sichtbar machen, Sprache geben, Alternativen eröffnen.

Was keines der beiden Modelle beantwortet, ist die Frage, wie tief das Muster sitzt. Wer seit dreißig Jahren die Retterrolle einnimmt und daraus seine Identität zieht, braucht mehr als eine Beschreibung und eine Alternative. Was er braucht, lässt sich mit diesen Modellen immerhin benennen – und das ist nicht wenig.

Literaturverzeichnis
Choy, A. (1990). The winner’s triangle. Transactional Analysis Journal, 20(1), 40–46. DOI: 10.1177/036215379002000105.
Karpman, S. B. (1968). Fairy tales and script drama analysis. Transactional Analysis Bulletin, 7(26), 39–43. Volltext als PDF: karpmandramatriangle.com.
Karpman, S. B. (2014). A Game Free Life. Drama Triangle Publications, San Francisco.
Lac, A. & Donaldson, C. D. (2022). Development and validation of the Drama Triangle Scale. Journal of Interpersonal Violence, 37(7–8), NP4057–NP4081. DOI: 10.1177/0886260520957696.
McKimm, J. & Forrest, K. (2010). Using transactional analysis to improve clinical and educational supervision: The drama and winner’s triangles. Postgraduate Medical Journal, 86(1015), 261–265. DOI: 10.1136/pgmj.2009.093310.
Stefanovic-Stanojevic, T., Tosić Radev, M. & Bogdanović, A. (2024). Drama Triangle roles – Linking attachment and mentalization with internalizing and externalizing problems. Social Work With Groups, 47(1), 64–78. DOI: 10.1080/01609513.2023.2228384.

Forschung

Rollen, Dynamik, Ausstieg

Drama-Dreieck und Gewinner-Dreieck als therapeutische Werkzeuge
Domurath/Wicha

Das Drama-Dreieck, 1968 von Stephen B. Karpman in der Transactional Analysis Bulletin erstmals publiziert, beschreibt keine Charaktere. Es beschreibt einen Mechanismus: die Dynamik, die entsteht, wenn drei Rollen – Verfolger, Retter, Opfer – in einer Interaktion besetzt werden und ihre Besetzer die Positionen wechseln. Der Wechsel ist konstitutiv. Nicht die Rolle, in der jemand beginnt, erzeugt das Drama; erzeugt wird es durch den switch, der kommt, sobald die Rollenkomplementarität nicht mehr trägt. Der Retter, dem das Opfer nicht dankbar ist, wird zum Verfolger. Das Opfer, das genug hat, wechselt in die Verfolgung. Der Verfolger, der sich im Unrecht fühlt, nimmt das Opfer ein. Jede Rolle enthält die Einladung zur nächsten.

Karpman hat diesen Mechanismus aus der Skriptanalyse entwickelt: aus der Beobachtung, dass Interaktionsmuster in Märchen dieselbe Struktur haben wie Interaktionsmuster in der Therapie. Die dramaturgische Herkunft ist therapeutisch nicht folgenlos. Sie bedeutet, dass das Drama-Dreieck ein Beschreibungswerkzeug ist, kein diagnostisches Instrument. Es sagt nichts über Störungsbilder aus. Es macht eine Interaktionsdynamik sichtbar – und es macht sie benennbar.

Genau darin liegt sein erster therapeutischer Wert. Lac und Donaldson haben 2022 eine validierte Skala für die drei Rollen vorgelegt und nachgewiesen, dass die Dreifaktorstruktur empirisch stabil ist. Die Opferrolle korrelierte am stärksten mit unsicherer Bindung, Angst und depressiven Symptomen. Das ist kein Zufall. Wer sich primär als hilflos erlebt, aktiviert das System; Verfolger und Retter folgen in der Ergänzungslogik. Das Modell gibt einem, was Klienten häufig fehlt: eine Sprache für etwas, das sie fühlen, aber nicht benennen konnten.

Die Rollen im Einzelnen

Die Opferrolle ist die emotionale Zentrale des Dreiecks. Jemand in dieser Position erlebt sich als nicht handlungsfähig – nicht im Sinne einer bewussten Entscheidung, sondern als unmittelbare Erfahrung. Probleme erscheinen unlösbar, Bemühungen vergeblich. Diese Haltung zieht Retter an und rechtfertigt Verfolger. Sie ist kein Simulieren; sie ist eine erlernte Wahrnehmungsweise, die sich in spezifischen Beziehungskonstellationen bewährt hat.

Die Retterrolle ist nicht altruistisch, auch wenn sie so aussieht. Wer rettet, benötigt jemanden, der gerettet werden muss; die Hilfe setzt die Bedürftigkeit des anderen voraus und hält sie aufrecht. Klienten in dieser Position erleben sich häufig als die Funktionierenden, die Zuverlässigen – bis die Erschöpfung kommt oder die Undankbarkeit, und die Erschöpfung oder Undankbarkeit den Wechsel auslöst.

Die Verfolgerrolle ist die am wenigsten bekannte Einstiegsposition, obwohl sie häufig auftritt. Jemand, der Grenzen setzt, der Verantwortung einfordert, der Kritik äußert, nimmt strukturell die Verfolgerposition ein – auch wenn das Verhalten sachlich berechtigt ist. Die klinische Relevanz liegt darin, dass Klienten Verfolgerverhaltensweisen häufig bei sich nicht erkennen oder massiv abwehren. Die Untersuchung von Stefanovic-Stanojevic und Kollegen zeigt, dass Bindungsvermeidung die Retter- und Verfolgerrollen negativ voraussagt – das ließe sich so lesen: Wer Bindung meidet, tritt seltener in aktive Komplementarität. Auch das ist therapeutisch nutzbar.

Wann das Modell greift – und wann nicht

Das Drama-Dreieck greift in der Therapie an einem spezifischen Punkt: wenn eine Interaktionsdynamik beschrieben werden soll, die sich wiederholt, ohne dass die Beteiligten den Wiederholungscharakter erkennen. Die Wiederholung ist das Kennzeichen. Wer immer wieder in Beziehungen als Retter beginnt und als Opfer endet; wer Konflikte regelmäßig durch eine Positionsverschiebung eskaliert statt löst – für den ist das Modell ein Spiegel mit diagnostischem Wert.

Was das Modell nicht leistet: Es erklärt nicht, warum jemand in das Muster eingestiegen ist. Es benennt die Struktur, nicht die Ätiologie. Die Ätiologie gehört in andere Konzepte – Bindungstheorie, Mentalisierung, Skriptanalyse im weiteren Sinne. McKimm und Forrest haben das Modell für klinische Supervision fruchtbar gemacht, gerade weil es ohne ätiologische Erklärung auskommt und trotzdem orientiert: Es macht kein Angebot über die Geschichte, nur über das Jetzt.

Das Gewinner-Dreieck: Orientierung auf ein Anderes hin

Acey Choy hat 1990 das Gewinner-Dreieck als Gegenmodell zum Drama-Dreieck entwickelt. Choy selbst nennt es eine „antithesis“ – aber nicht als bloße Negation, sondern als Transformation: Was wäre, wenn jemand an einem der drei Eintrittspunkte des Dramas eine andere Haltung einnimmt? Die Antwort hat drei Positionen.

Verletzlichkeit statt Opferhaltung. Wer verletzlich ist, erkennt eigene Bedürfnisse und Gefühle an, ohne daraus Handlungsunfähigkeit abzuleiten. Die Differenz zur Opferhaltung liegt im Selbstwirksamkeitserleben: Das Opfer sagt, es gibt keinen Ausweg. Die verletzliche Person sagt, es ist schwer, und fragt trotzdem, was getan werden kann. Diese Verschiebung ist klein genug, um erreichbar zu sein, und groß genug, um die Dynamik zu unterbrechen.

Durchsetzung statt Verfolgung. Wer durchsetzt, benennt Bedürfnisse und Grenzen direkt, ohne Schuld zuzuweisen oder zu bestrafen. Die klinische Arbeit an dieser Position besteht oft darin, die Unterscheidung überhaupt erst herzustellen – Klienten in der Verfolgerrolle erleben ihr Verhalten häufig als Durchsetzung, während es strukturell Verfolgung ist. Und umgekehrt: Wer Durchsetzung für automatisch feindselig hält, kommt aus der Opferposition nicht heraus.

Fürsorge statt Rettung. Wer fürsorglich ist in Choys Sinn, fragt, wie geholfen werden kann – anstatt Lösungen zu übernehmen. Die Fürsorge respektiert die Handlungsfähigkeit des anderen; die Rettung setzt sie außer Kraft. Das ist keine semantische Feinheit. Für Klienten mit ausgeprägten Rettermustern ist die Frage, wann Hilfe angeboten und wann sie aufgedrängt wird, oft eine der produktivsten im therapeutischen Prozess.

Therapeutische Verwendung: Sequenz und Kontext

Beide Modelle haben unterschiedliche therapeutische Funktionen, und diese Funktionen gehören in eine Sequenz. Das Drama-Dreieck dient der Orientierung – es macht sichtbar, was geschieht, und es gibt dem Sichtbaren einen Namen. Das Gewinner-Dreieck dient der Ausrichtung – es zeigt, was stattdessen möglich ist. Wer das zweite vor dem ersten einsetzt, riskiert, dass die Orientierung zum Sollen wird, bevor das Verstehen abgeschlossen ist.

Ein praktischer Einstieg in der Therapie folgt diesem Ablauf: Zunächst eine konkrete Situation, in der sich das Muster gezeigt hat. Dann die Frage, wer welche Rolle eingenommen hat – und wann der Wechsel kam. Nicht als Vorwurf, nicht als Erklärung, sondern als Beschreibung. Der Klient ist in diesem Schritt Beobachter seiner eigenen Dynamik; das ist der therapeutische Wert, nicht die Einsicht in die Begriffe.

Erst wenn das Muster erkannt ist, wird das Gewinner-Dreieck produktiv: als Frage, nicht als Anleitung. Was wäre an dieser Stelle Verletzlichkeit statt Opferhaltung gewesen? Was wäre Durchsetzung statt Verfolgung? Diese Fragen eröffnen einen Suchraum; sie schreiben keine Antwort vor. Der Klient bleibt Subjekt – er entscheidet, welche der Alternativen passt, nicht ob er die Terminologie akzeptiert.

Zwei Einschränkungen gehören in jede klinische Verwendung. Erstens: Beide Modelle beschreiben Interaktionsdynamiken, keine Personen. Die Frage ist nicht, ob jemand ein Opfer ist, sondern ob jemand die Opferrolle einnimmt – in einer spezifischen Situation, zu einem spezifischen Zeitpunkt. Die Verwechslung von Rollenbeschreibung und Charakterdiagnose ist die häufigste Fehlanwendung. Zweitens: Wo Bindungsangst alle drei Rollen gleichermaßen wahrscheinlich macht, reicht ein Modell der richtigen Haltung nicht. Die Haltungsänderung ist dann ein Ziel, aber kein Weg; der Weg liegt tiefer.

Was bleibt

Das Drama-Dreieck beschreibt, was ist. Das Gewinner-Dreieck zeigt, was möglich ist. Beide Modelle sind strukturell einfach genug, um in der klinischen Praxis handhabbar zu sein, und komplex genug, um nicht in eine Sitzung zu passen. Ihr therapeutischer Wert liegt nicht in der Begrifflichkeit, sondern in der Funktion, die sie erfüllen: Muster sichtbar machen, Sprache geben, Alternativen eröffnen.

Was keines der beiden Modelle beantwortet, ist die Frage, wie tief das Muster sitzt. Wer seit dreißig Jahren die Retterrolle einnimmt und daraus seine Identität zieht, braucht mehr als eine Beschreibung und eine Alternative. Was er braucht, lässt sich mit diesen Modellen immerhin benennen – und das ist nicht wenig.

Vom Verzicht zur Lebensform

Wie aus Abstinenz Identität wird – und warum das Haus-Klima dabei entscheidet

Julius Kuhl hat in seiner Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) eine Unterscheidung eingeführt, die für diese Frage unmittelbar relevant ist: die Unterscheidung zwischen Selbstkontrolle und Selbstregulation. Beide sind Formen der Selbststeuerung. Beide können dafür sorgen, dass ein Mensch tut, was er sich vorgenommen hat. Aber sie funktionieren grundverschieden.

Selbstkontrolle arbeitet über bewusste Zielvergegenwärtigung, über Disziplin, über die Unterdrückung konkurrierender Impulse. Sie ist anstrengend, sie verbraucht Ressourcen, und sie kann sich gegen das eigene Selbst richten – dann nämlich, wenn das Ziel, das verfolgt wird, nicht zum eigenen Wertesystem passt. Kuhl spricht in diesem Fall von Introjektion: Man übernimmt fremde Ziele, ohne sie in das eigene Selbstsystem zu integrieren – und hält sie dennoch für die eigenen. Die Abstinenz, die auf Selbstkontrolle allein ruht, ist funktional, aber brüchig. Sie hält, solange die Willenskraft hält. Wenn der Druck steigt, gibt die Stelle nach, die nie wirklich getragen hat.


Selbstregulation dagegen arbeitet über Integration. Ziele werden nicht gegen den eigenen Antrieb durchgesetzt, sondern mit ihm verbunden. Das gelingt, wenn positive Affekte den Zugang zum Extensionsgedächtnis öffnen – zu dem System, das autobiographische Erfahrungen, Werte, Bedürfnisse und Beziehungsmuster vernetzt. Abstinenz, die in dieses System integriert ist, fühlt sich nicht mehr wie Verzicht an. Sie wird zur Lebensform. Nicht weil der Wunsch verschwindet, sondern weil er seinen Rang verliert.

In der Sprache des vorangegangenen Abschnitts: Die strategische Entsagung aus Menschliches, Allzumenschliches entspricht der Selbstkontrolle – sie entlastet, aber sie integriert nicht. Die symptomatische Askese aus der Genealogie ist der Extremfall gescheiterter Integration: ein Selbstbild, das sich um die Abwesenheit der Substanz organisiert, statt um das, was an ihre Stelle treten könnte. Und die sachliche Abstinenz aus Ecce Homo – Nietzsche trinkt nicht, weil es ihm nicht bekommt, fertig – zeigt, wie es aussieht, wenn der Verzicht ins Selbst integriert ist: kein Kampf, kein Pathos, kein Thema mehr.


Die therapeutische Aufgabe liegt also nicht darin, Abstinenz herzustellen. Die stellt der Klient her. Die therapeutische Aufgabe liegt darin, die Bedingungen zu schaffen, unter denen aus Selbstkontrolle Selbstregulation werden kann – unter denen die Abstinenz vom auferlegten Ziel zur selbstkompatiblen Lebensform wird.


Hier führt ein überraschender Bogen zurück zu Nietzsche. In der Götzen-Dämmerung (EA 1889), Sprüche und Pfeile, § 12, schreibt er: „Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie?“ Viktor Frankl hat diesen Satz in seine Logotherapie übernommen und berühmt gemacht: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Das ist kein Zufall und keine bloße Anleihe. Frankl zitiert Nietzsche bewusst, weil der Gedanke präzise das beschreibt, was die Logotherapie als therapeutischen Kern versteht: dass Sinn nicht die Belohnung für gelungenes Leben ist, sondern seine Voraussetzung.

Für den Klienten in der Suchttherapie heißt das: Abstinenz wird nicht dadurch tragfähig, dass sie länger dauert. Sie wird tragfähig, wenn sie eingebettet ist in ein Warum – in Werte, Überzeugungen, Beziehungen. Wenn der Klient beginnt, sich als jemanden zu sehen, der für andere da ist. Wenn die Kinder Hoffnung zeigen. Wenn Stolz entsteht, nicht der Stolz auf die Abstinenz selbst, sondern auf das, was sie möglich gemacht hat. In Kuhls Terminologie: wenn das Extensionsgedächtnis die Abstinenz als selbstkompatibel erkennt, weil sie mit dem eigenen Wertesystem verbunden ist.


Und damit sind wir beim Haus-Klima. Die Integration von Abstinenz ins Selbst vollzieht sich nicht im Einzelgespräch allein. Sie vollzieht sich im Alltag – in der Frage, wie eine Einrichtung lebt, welche Kultur sie vermittelt, welche Formen des Zusammenlebens sie anbietet. Das Haus-Klima ist der Ort, an dem der Klient erlebt, dass Abstinenz eine Lebensform sein kann und nicht nur eine Regel. Es ist die Brücke zwischen der therapeutischen Intervention und dem, was danach bleibt.


Es ist kein Zufall, dass diese Überlegungen immer wieder zum selben Kern führen. Nietzsche zeigt den Spannungsbogen: wie Verzicht entlasten und wie er das Leben ersetzen kann. Kuhl liefert den Mechanismus: wie aus Selbstkontrolle Selbstregulation wird. Frankl – mit einem Nietzsche-Satz im Gepäck – benennt die Bedingung: ein Warum. Und die Praxis der abstinenzorientierten Suchthilfe muss den Raum bereitstellen, in dem diese Bedingung Wirklichkeit werden kann. Das Haus-Klima ist dieser Raum.

Choy, A. (1990). The winner’s triangle. Transactional Analysis Journal, 20(1), 40–46. DOI: 10.1177/036215379002000105.
Karpman, S. B. (1968). Fairy tales and script drama analysis. Transactional Analysis Bulletin, 7(26), 39–43. Volltext als PDF: karpmandramatriangle.com.
Karpman, S. B. (2014). A Game Free Life. Drama Triangle Publications, San Francisco.
Lac, A. & Donaldson, C. D. (2022). Development and validation of the Drama Triangle Scale. Journal of Interpersonal Violence, 37(7–8), NP4057–NP4081. DOI: 10.1177/0886260520957696.
McKimm, J. & Forrest, K. (2010). Using transactional analysis to improve clinical and educational supervision: The drama and winner’s triangles. Postgraduate Medical Journal, 86(1015), 261–265. DOI: 10.1136/pgmj.2009.093310.
Stefanovic-Stanojevic, T., Tosić Radev, M. & Bogdanović, A. (2024). Drama Triangle roles – Linking attachment and mentalization with internalizing and externalizing problems. Social Work With Groups, 47(1), 64–78. DOI: 10.1080/01609513.2023.2228384.