Was Odysseus und Orpheus über das amotivationale Syndrom und
Rückfallprophylaxe wussten
Domurath/Wicha
Homers Odyssee und die Argonautica des Apollonios von Rhodos erzählen beide davon, wie das Wollen sich verändert. Einmal durch den Gesang der Sirenen, der ein neues Wollen erzeugt – so mächtig, dass es das bestehende überschreibt. Einmal durch den Lotos, der das Wollen verschwinden lässt. Bei den Sirenen kommt etwas hinzu: ein Sog, der das Subjekt überwältigt. Es weiß, was ihm schadet, und will es trotzdem. Bei den Lotophagen wird etwas weggenommen. Kein Sog, keine Überwältigung. Das Subjekt hört auf zu wollen – nicht weil etwas dagegen stünde, sondern weil das Ziel verschwunden ist.
Homer und Apollonios beschreiben Phänomene und Antworten darauf. Die Begriffe kommen dreitausend Jahre später. Aber die Grundspannung – ein Subjekt, das wissen kann, was ihm schadet, und trotzdem daran scheitert, oder eines, das aufhört, überhaupt etwas zu wollen – ist anthropologisch. Was sich geändert hat, sind die Erklärungen. Die Dynamiken nicht.
Kirke hat Odysseus gewarnt. Sie hat ihm gesagt, was die Sirenen tun und wie er ihnen begegnen kann. Als die Insel in Sicht kommt, handelt Odysseus nach Plan: Er knetet Wachs, verschließt den Männern die Ohren, lässt sich selbst an den Mast binden und ordnet an, die Seile fester zu ziehen, sollte er darum bitten, sie zu lösen.
Die Sirenen singen. Odysseus hört den Gesang und will zu ihnen. Er zerrt an den Seilen, er nickt den Gefährten zu, er befiehlt ihnen, ihn loszubinden. Die Gefährten hören nichts – das Wachs hält – und binden die Seile fester, wie befohlen. Das Schiff fährt weiter. Als der Gesang verklingt, binden sie ihn los. Die Episode ist vorbei.
Drei Strategien, ein Durchgang, kein Schaden. Aber Homer erzählt nicht nur eine gelungene Passage. Er erzählt ein Subjekt, das sich selbst nicht traut – und recht damit hat. Odysseus will den Gesang hören, obwohl er weiß, was er anrichtet. Die Spannung zwischen Wissen und Wollen, zwischen Einsicht und Sog, ist der Kern der Episode. Und der Kern der Suchtdynamik.
Wachs: Stimulusvermeidung als basale Schutzstrategie
Die Mannschaft erhält Wachs in die Ohren. Der Reiz wird eliminiert, bevor er verarbeitet werden kann. Neurobiologisch entspricht das der Unterbrechung der Reiz-Reaktions-Kette auf der frühesten Stufe: Wo kein konditionierter Hinweisreiz wahrgenommen wird, entsteht kein Craving. Die Strategie operiert unterhalb der Willensfunktion – sie macht Selbstkontrolle überflüssig, indem sie die Situation vermeidet, in der Selbstkontrolle nötig wäre.
Marlatt und Gordon haben in ihrem Rückfallmodell die Hochrisikosituation als zentralen Vulnerabilitätsfaktor beschrieben. Die Wachs-Strategie adressiert genau diesen Punkt: nicht die Bewältigung der Hochrisikosituation, sondern deren Umgehung. In der frühen Abstinenzphase, in der das Suchtgedächtnis maximale Reaktivität zeigt und die präfrontale Kontrolle noch geschwächt ist, stellt Stimulusvermeidung keine Einschränkung dar, sondern eine Voraussetzung für alles Weitere.
Die Begrenzung liegt in der Generalisierbarkeit. Suchtassoziierte Hinweisreize durchdringen den Alltag – Orte, Gerüche, soziale Konstellationen, affektive Zustände. Eine vollständige Reizabschirmung liefe auf sozialen Rückzug hinaus. Stimulusvermeidung funktioniert als Übergangsstrategie, nicht als Lebensentwurf.
Seile: Selbstbindung als präventive Willenshandlung
Odysseus lässt sich an den Mast binden – und zwar vor Beginn des Gesangs. Die zeitliche Struktur ist entscheidend: Die Bindung erfolgt im Zustand vollständiger Handlungsfähigkeit, sie antizipiert den Zustand eingeschränkter Handlungsfähigkeit. In Kuhls Terminologie ließe sich hier die Unterscheidung von Handlungs- und Lageorientierung heranziehen: Die prospektive Lageorientierung, die im Moment des Cravings eintritt, wird durch eine vorher installierte Struktur aufgefangen.
Die Parallele zu Elsters Konzept der präventiven Selbstbindung liegt auf der Hand. Das Subjekt beschränkt seinen zukünftigen Handlungsraum, weil es um die Unzuverlässigkeit seiner zukünftigen Präferenzen weiß. Das ist keine Kapitulation vor der eigenen Schwäche, sondern deren rationale Antizipation. Die Selbstbindung setzt ein Reflexionsniveau voraus, das die Sucht selbst nicht bieten kann – sie ist, in Frankls Terminologie, ein Akt der Selbstdistanzierung.
Was die Sirenen-Episode präzise zeigt: Die Seile ersetzen den Willen nicht. Sie substituieren ihn an einer umschriebenen Stelle. Odysseus bleibt Subjekt der Entscheidung – er hat die Bindung gewählt, er hat die Bedingungen formuliert, er hat die Dauer bestimmt. Die Struktur dient dem Handelnden, nicht umgekehrt. Die klinische Implikation lässt sich kaum überschätzen: Selbstbindung, die als Fremdkontrolle erlebt wird, verfehlt ihren Zweck.
Orpheus: Intrinsische Motivation als konkurrierendes Anreizsystem
Es ist nicht Homer, der diese Variante erzählt, sondern Apollonios von Rhodos, rund fünfhundert Jahre später, in den Argonautica. Die Argonauten nähern sich der Sireneninsel. Kein Wachs, keine Seile. Stattdessen greift Orpheus zur Leier und spielt gegen den Gesang an. Nicht lauter – besser. Die Mannschaft hört beides, den Gesang der Sirenen und das Leierspiel, und wendet sich dem zu, was stärker zieht.
Fast alle. Einer springt. Butes, der einzige, den das Leierspiel nicht hält, stürzt sich ins Meer. Aphrodite rettet ihn – eine mythologische Lösung für ein Problem, das die Therapie kennt: Die Strategie wirkt nicht für jeden. Die intrinsische Alternative muss stark genug sein, den Sog zu überbieten. Wo sie es nicht ist, bleibt der Sprung.
Motivationstheoretisch beschreibt das den Übergang von extrinsischer Vermeidung zu intrinsischer Annäherung. Deci und Ryan haben in der Selbstbestimmungstheorie die Qualitätsstufen der Motivation differenziert: Von der externalen Regulation über die Introjektion zur identifizierten und schließlich integrierten Regulation. Die Orpheus-Strategie operiert am oberen Ende dieser Skala. Das Subjekt handelt nicht gegen den Sog, sondern aus einem eigenen Antrieb heraus, der den Sog überwiegt.
Rosa würde hier von Resonanz sprechen: einem Weltverhältnis, in dem das Subjekt sich von etwas anrufen lässt und antwortet. Die Sucht ist, in dieser Lesart, eine Resonanzstörung – oder präziser: eine Resonanzverengung. Der Stoff oder das Verhalten ist die einzige Achse geblieben, auf der Selbstwirksamkeit erfahren wird. Die therapeutische Aufgabe bestünde dann nicht primär in der Bekämpfung des Suchtverhaltens, sondern in der Erschließung alternativer Resonanzachsen.
Das setzt allerdings voraus, dass solche Achsen überhaupt zugänglich sind. Bei Klienten mit langjähriger Suchtgeschichte hat die Substanz häufig alle konkurrierenden Anreizsysteme überformt. Die dopaminerge Bahnung bevorzugt den bekannten Reiz; neue Quellen intrinsischer Motivation müssen sich gegen ein neurobiologisch privilegiertes System durchsetzen. Die Orpheus-Strategie ist die anspruchsvollste – und die einzige, die auf Dauer ohne externe Stützstruktur auskommt.
Neun Tage treibt der Sturm die Flotte ab, nach dem Kap Malea, weg von jeder bekannten Route. Am zehnten Tag landet sie an einer Küste, die Homer nicht benennt. Odysseus schickt drei Männer aus, Kundschafter, die herausfinden sollen, wer hier lebt. Die Lotophagen empfangen sie ohne Gewalt, ohne List, ohne Hintergedanken. Sie bieten ihnen zu essen an. Das ist alles.
Die Kundschafter essen die Lotosfrucht, und danach wollen sie bleiben. Keine Euphorie, kein Rausch, kein Exzess – Homer erzählt die Episode in wenigen Versen, und nichts darin deutet auf Genuss. Die Männer kosten, und die Heimkehr hört auf, ein Ziel zu sein. Sie weigern sich nicht, zurückzukehren. Sie wollen nicht mehr. Der Lotos eliminiert nicht die Fähigkeit zur Heimkehr, er eliminiert den Wunsch.
Odysseus wartet nicht ab. Er schleppt die Weinenden zu den Schiffen, bindet sie unter die Ruderbänke und befiehlt sofortige Abfahrt. Alle anderen sollen an Bord, schnell, bevor noch jemand kostet. Die Flotte legt ab. Homer vermerkt, dass die Gefährten weinen. Dann rudert die Flotte weiter, und die Episode ist vorbei.
Lotos: Die Substanz, die nichts hinzufügt
Die pharmakologische Diskussion hat den Begriff des amotivationalen Syndroms hervorgebracht, zunächst im Kontext chronischen Cannabiskonsums. Die klinische Validität des Konstrukts ist umstritten; die phänomenologische Beschreibung ist es weniger. Gemeint ist ein Zustand reduzierter Zielgerichtetheit, verminderter Initiative und abgeflachter affektiver Beteiligung an Aufgaben, die zuvor bedeutsam waren. Nicht Depression. Nicht Apathie im psychiatrischen Sinn. Eher: ein Nachlassen des Zugs, der das Subjekt in die Welt hinein bewegt.
In Koob und Le Moals allostatischem Modell der Suchtentwicklung verschiebt sich der hedonische Sollwert – der hedonic set point, den Ahmed und Koob (1998) erstmals experimentell beschrieben haben – nach unten. Der Organismus reguliert nicht mehr auf das ursprüngliche Gleichgewicht zurück, sondern auf ein neues, abgesenktes Niveau. Was vorher Freude war, wird neutral. Was neutral war, wird aversiv. Die Substanz ist dann nicht mehr Quelle von Lust, sondern Mittel gegen Unlust – und alles andere hört auf, als Quelle überhaupt in Frage zu kommen.
Die Lotophagen-Episode verdichtet diesen Prozess zu einem einzigen Bild: Ein Biss, und die Heimat ist gleichgültig. Homer braucht keine Neurobiologie, um den Mechanismus sichtbar zu machen. Die Frucht nimmt nichts weg und gibt nichts dazu. Sie verändert das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem, was ihm etwas bedeutet hat.
Vergessen als Verlust der zweiten Ordnung
Was die Gefährten verlieren, ist nicht Erinnerung im deklarativen Sinn. Sie wissen vermutlich noch, dass es Ithaka gibt. Sie wollen nur nicht mehr hin. Frankfurt hat in seiner Handlungstheorie zwischen Wünschen erster und zweiter Ordnung unterschieden. Wünsche erster Ordnung sind schlicht: Ich will X. Wünsche zweiter Ordnung richten sich auf die eigenen Wünsche: Ich will, dass ich X will – oder eben nicht will. Der Süchtige, der trinken will und zugleich wünscht, nicht trinken zu wollen, hat Wünsche beider Ordnungen. Der Konflikt zwischen ihnen ist das, was ihn als Person kenntlich macht.
Die Lotophagen-Gefährten haben diesen Konflikt nicht. Sie wollen den Lotos, aber sie wollen nicht mehr, dass sie etwas anderes wollen. Die Wünsche erster Ordnung sind intakt – bleiben, essen, vergessen. Was fehlt, ist die reflexive Instanz, die zwischen konkurrierenden Wünschen hierarchisiert. In Frankfurts Begriffen: Sie sind keine Personen mehr im vollen Sinn. Sie sind, was Frankfurt „wantons“ nennt – Wesen, die wollen, ohne sich zu ihrem Wollen zu verhalten.
Frankl hat die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung als dasjenige Vermögen beschrieben, das es dem Menschen ermöglicht, sich zu sich selbst zu verhalten. Im Lotophagen-Zustand ist genau dieses Vermögen suspendiert. Nicht zerstört – die Episode endet damit, dass Odysseus die Männer zurückbringt, und nichts spricht dafür, dass der Zustand irreversibel wäre. Aber so lange er andauert, gibt es kein Subjekt, das sich zu seinem eigenen Zustand verhalten könnte. Kein Leiden am Verlust, keine Sehnsucht nach dem Verlorenen. Der Lotophage hadert nicht. Er merkt nicht, dass es etwas zu hadern gäbe.
Rosa würde hier von einer Verstummung der Resonanzachsen sprechen: Das Subjekt wird nicht mehr angerufen, es antwortet nicht mehr, und es bemerkt die Stille nicht. Die Resonanzverengung, die bei den Sirenen beschrieben wurde – eine Achse dominiert über die anderen –, hat in der Lotophagen-Episode ihre radikalste Form erreicht. Nicht eine Achse dominiert; alle Achsen außer einer sind verstummt.
Odysseus als Zwangsintervention
Odysseus reagiert, indem er die Gefährten zu den Schiffen schleppt und unter die Ruderbänke bindet. Keine Überzeugung, kein Gespräch, kein Appell. Physische Überführung gegen den erklärten – oder genauer: gegen den nicht mehr erklärungsfähigen – Willen.
Der Kontrast zur Sirenen-Episode ist instruktiv. Dort hat Odysseus die Selbstbindung gewählt: Er ließ sich binden, er formulierte die Bedingungen, er blieb Subjekt der Entscheidung. Elsters Analyse der präventiven Selbstbindung setzt genau dieses Subjekt voraus – eines, das um die Unzuverlässigkeit seiner zukünftigen Präferenzen weiß und vorsorgt. Bei den Lotophagen fehlt diese Voraussetzung. Die Gefährten haben keine Vorsorge getroffen, weil sie die Gefährdung nicht kannten. Und nachdem sie den Lotos gegessen haben, fehlt ihnen die Instanz, die Vorsorge überhaupt initiieren könnte.
In Kuhls Unterscheidung von Selbststeuerung und Selbstkontrolle wäre weder die eine noch die andere verfügbar. Selbstkontrolle operiert gegen den vorherrschenden Affekt – aber der vorherrschende Affekt ist hier kein Drang, sondern eine Stille. Selbststeuerung integriert Affekt und Kognition – aber die Kognition, die integriert werden müsste, ist abwesend. Es gibt nichts zu steuern und nichts zu kontrollieren. Es gibt nur noch den Lotos und das Vergessen.
Odysseus’ Eingriff wirft damit die Frage auf, die die Suchttherapie seit Jahrzehnten beschäftigt: Ab wann ist Fremdkontrolle legitim? Homer beantwortet sie pragmatisch, nicht philosophisch. Odysseus handelt, weil die Fahrt weitergehen muss und niemand sonst handeln kann. Die Gefährten stimmen nicht zu – sie weinen. Ob sie rückblickend zustimmen würden, erzählt Homer nicht. Die Frage bleibt offen, und sie bleibt klinisch relevant.
Die Sirenen-Episode legt nahe, dass ihre drei Strategien nicht konkurrieren, sondern einander voraussetzen. Stimulusvermeidung schafft den geschützten Raum, in dem Selbstbindung eingeübt werden kann. Selbstbindung stabilisiert das Handlungssystem, bis intrinsische Motivation tragfähig wird. Die Abfolge ist nicht zwingend linear – Rückgriffe auf frühere Strategien bleiben jederzeit möglich und indiziert –, aber die Entwicklungsrichtung ist erkennbar.
Was alle drei Strategien gemeinsam haben: Sie setzen ein Subjekt voraus, das um seine eigene Gefährdung weiß. Odysseus kennt den Gesang. Er weiß, was er anrichtet. Die Strategien unterscheiden sich nicht in der Einsicht, sondern im Umgang mit ihr.
Die Lotophagen-Episode zeigt, was geschieht, wenn diese Voraussetzung fehlt. Die Männer wissen nichts vom Lotos, bevor sie ihn essen. Danach fehlt ihnen die Instanz, die Wissen überhaupt in Handlung übersetzen könnte. In Deci und Ryans Selbstbestimmungstheorie markiert das einen Punkt unterhalb der Motivationsskala – nicht externale Regulation, nicht Introjektion, nicht Amotivation im Sinne eines Defizits an erlebter Kompetenz, sondern der Ausfall der Instanz, die überhaupt nach Kompetenzerleben suchen würde. Die Lotophagen-Episode beschreibt nicht die unterste Stufe der Motivation. Sie beschreibt den Zustand, in dem die Treppe fehlt.
Therapeutisch markiert das eine Grenze. Marlatts und Gordons Rückfallpräventionsmodell adressiert die Hochrisikosituation: den Moment, in dem Craving auf Gelegenheit trifft. Die Lotophagen-Episode liegt zeitlich und strukturell davor. Sie beschreibt nicht den Rückfall, sondern den Verlust der Instanz, die einen Rückfall überhaupt als solchen erkennen könnte. Wer nicht mehr nach Hause will, kann nicht rückfällig werden. Er ist nirgendwo, von dem aus ein Fall möglich wäre.
Was bleibt, ist Odysseus. Ein Anderer, der das Ziel noch kennt und die Kraft hat, zu handeln. In der klinischen Realität heißt das: Angehörige, Therapeuten, Institutionen, die stellvertretend die Zielperspektive aufrechterhalten, bis das Subjekt sie wieder als eigene übernehmen kann. Ob es das tut, ist nicht garantiert. Ob es das tun will, ist die falsche Frage – es setzt die Instanz voraus, die gerade fehlt.
Ob das therapeutische Korrelat des Wissens, das die Sirenen-Strategien voraussetzen, als Krankheitseinsicht, als akzeptanzbasierte Haltung oder als existenzielle Anerkennung der eigenen Begrenztheit zu fassen ist, bleibt eine offene Frage – möglicherweise eine, die sich nicht am Begriff, sondern nur am Einzelfall entscheiden lässt. Homer lässt die Gefährten weinen, als sie zurück auf die Schiffe gebracht werden. Dann rudert die Flotte weiter. Was aus dem Vergessen wurde, als die Wirkung nachließ, wird nicht erzählt. Vielleicht die realistischste Stelle des ganzen Epos.
Literaturverzeichnis
Ahmed, S. H. & Koob, G. F. (1998). Transition from moderate to excessive drug intake: Change in hedonic set point. Science, 282, 298–300.
Apollonios von Rhodos: Argonautica.
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.
Elster, J. (1979). Ulysses and the Sirens: Studies in Rationality and Irrationality. Cambridge: Cambridge University Press.
Frankl, V. E. (2007). Theorie und Therapie der Neurosen. 9. Aufl., UTB 457. München-Basel: Ernst Reinhardt.
Frankfurt, H. G. (1971). Freedom of the Will and the Concept of a Person. Journal of Philosophy, 68(1), 5–20.
Homer: Odyssee. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Reinbek: Rowohlt, 1958.
Koob, G. F. & Le Moal, M. (2001). Drug Addiction, Dysregulation of Reward, and Allostasis. Neuropsychopharmacology, 24(2), 97–129.
Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme. Göttingen: Hogrefe.
Marlatt, G. A. & Gordon, J. R. (1985). Relapse Prevention: Maintenance Strategies in the Treatment of Addictive Behaviors. New York: Guilford Press.
Rosa, H. (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Was Odysseus und Orpheus über das amotivationale Syndrom und
Rückfallprophylaxe wussten
Domurath/Wicha
Homers Odyssee und die Argonautica des Apollonios von Rhodos erzählen beide davon, wie das Wollen sich verändert. Einmal durch den Gesang der Sirenen, der ein neues Wollen erzeugt – so mächtig, dass es das bestehende überschreibt. Einmal durch den Lotos, der das Wollen verschwinden lässt. Bei den Sirenen kommt etwas hinzu: ein Sog, der das Subjekt überwältigt. Es weiß, was ihm schadet, und will es trotzdem. Bei den Lotophagen wird etwas weggenommen. Kein Sog, keine Überwältigung. Das Subjekt hört auf zu wollen – nicht weil etwas dagegen stünde, sondern weil das Ziel verschwunden ist.
Homer und Apollonios beschreiben Phänomene und Antworten darauf. Die Begriffe kommen dreitausend Jahre später. Aber die Grundspannung – ein Subjekt, das wissen kann, was ihm schadet, und trotzdem daran scheitert, oder eines, das aufhört, überhaupt etwas zu wollen – ist anthropologisch. Was sich geändert hat, sind die Erklärungen. Die Dynamiken nicht.
Kirke hat Odysseus gewarnt. Sie hat ihm gesagt, was die Sirenen tun und wie er ihnen begegnen kann. Als die Insel in Sicht kommt, handelt Odysseus nach Plan: Er knetet Wachs, verschließt den Männern die Ohren, lässt sich selbst an den Mast binden und ordnet an, die Seile fester zu ziehen, sollte er darum bitten, sie zu lösen.
Die Sirenen singen. Odysseus hört den Gesang und will zu ihnen. Er zerrt an den Seilen, er nickt den Gefährten zu, er befiehlt ihnen, ihn loszubinden. Die Gefährten hören nichts – das Wachs hält – und binden die Seile fester, wie befohlen. Das Schiff fährt weiter. Als der Gesang verklingt, binden sie ihn los. Die Episode ist vorbei.
Drei Strategien, ein Durchgang, kein Schaden. Aber Homer erzählt nicht nur eine gelungene Passage. Er erzählt ein Subjekt, das sich selbst nicht traut – und recht damit hat. Odysseus will den Gesang hören, obwohl er weiß, was er anrichtet. Die Spannung zwischen Wissen und Wollen, zwischen Einsicht und Sog, ist der Kern der Episode. Und der Kern der Suchtdynamik.
Wachs: Stimulusvermeidung als basale Schutzstrategie
Die Mannschaft erhält Wachs in die Ohren. Der Reiz wird eliminiert, bevor er verarbeitet werden kann. Neurobiologisch entspricht das der Unterbrechung der Reiz-Reaktions-Kette auf der frühesten Stufe: Wo kein konditionierter Hinweisreiz wahrgenommen wird, entsteht kein Craving. Die Strategie operiert unterhalb der Willensfunktion – sie macht Selbstkontrolle überflüssig, indem sie die Situation vermeidet, in der Selbstkontrolle nötig wäre.
Marlatt und Gordon haben in ihrem Rückfallmodell die Hochrisikosituation als zentralen Vulnerabilitätsfaktor beschrieben. Die Wachs-Strategie adressiert genau diesen Punkt: nicht die Bewältigung der Hochrisikosituation, sondern deren Umgehung. In der frühen Abstinenzphase, in der das Suchtgedächtnis maximale Reaktivität zeigt und die präfrontale Kontrolle noch geschwächt ist, stellt Stimulusvermeidung keine Einschränkung dar, sondern eine Voraussetzung für alles Weitere.
Die Begrenzung liegt in der Generalisierbarkeit. Suchtassoziierte Hinweisreize durchdringen den Alltag – Orte, Gerüche, soziale Konstellationen, affektive Zustände. Eine vollständige Reizabschirmung liefe auf sozialen Rückzug hinaus. Stimulusvermeidung funktioniert als Übergangsstrategie, nicht als Lebensentwurf.
Seile: Selbstbindung als präventive Willenshandlung
Odysseus lässt sich an den Mast binden – und zwar vor Beginn des Gesangs. Die zeitliche Struktur ist entscheidend: Die Bindung erfolgt im Zustand vollständiger Handlungsfähigkeit, sie antizipiert den Zustand eingeschränkter Handlungsfähigkeit. In Kuhls Terminologie ließe sich hier die Unterscheidung von Handlungs- und Lageorientierung heranziehen: Die prospektive Lageorientierung, die im Moment des Cravings eintritt, wird durch eine vorher installierte Struktur aufgefangen.
Die Parallele zu Elsters Konzept der präventiven Selbstbindung liegt auf der Hand. Das Subjekt beschränkt seinen zukünftigen Handlungsraum, weil es um die Unzuverlässigkeit seiner zukünftigen Präferenzen weiß. Das ist keine Kapitulation vor der eigenen Schwäche, sondern deren rationale Antizipation. Die Selbstbindung setzt ein Reflexionsniveau voraus, das die Sucht selbst nicht bieten kann – sie ist, in Frankls Terminologie, ein Akt der Selbstdistanzierung.
Was die Sirenen-Episode präzise zeigt: Die Seile ersetzen den Willen nicht. Sie substituieren ihn an einer umschriebenen Stelle. Odysseus bleibt Subjekt der Entscheidung – er hat die Bindung gewählt, er hat die Bedingungen formuliert, er hat die Dauer bestimmt. Die Struktur dient dem Handelnden, nicht umgekehrt. Die klinische Implikation lässt sich kaum überschätzen: Selbstbindung, die als Fremdkontrolle erlebt wird, verfehlt ihren Zweck.
Orpheus: Intrinsische Motivation als konkurrierendes Anreizsystem
Es ist nicht Homer, der diese Variante erzählt, sondern Apollonios von Rhodos, rund fünfhundert Jahre später, in den Argonautica. Die Argonauten nähern sich der Sireneninsel. Kein Wachs, keine Seile. Stattdessen greift Orpheus zur Leier und spielt gegen den Gesang an. Nicht lauter – besser. Die Mannschaft hört beides, den Gesang der Sirenen und das Leierspiel, und wendet sich dem zu, was stärker zieht.
Fast alle. Einer springt. Butes, der einzige, den das Leierspiel nicht hält, stürzt sich ins Meer. Aphrodite rettet ihn – eine mythologische Lösung für ein Problem, das die Therapie kennt: Die Strategie wirkt nicht für jeden. Die intrinsische Alternative muss stark genug sein, den Sog zu überbieten. Wo sie es nicht ist, bleibt der Sprung.
Motivationstheoretisch beschreibt das den Übergang von extrinsischer Vermeidung zu intrinsischer Annäherung. Deci und Ryan haben in der Selbstbestimmungstheorie die Qualitätsstufen der Motivation differenziert: Von der externalen Regulation über die Introjektion zur identifizierten und schließlich integrierten Regulation. Die Orpheus-Strategie operiert am oberen Ende dieser Skala. Das Subjekt handelt nicht gegen den Sog, sondern aus einem eigenen Antrieb heraus, der den Sog überwiegt.
Rosa würde hier von Resonanz sprechen: einem Weltverhältnis, in dem das Subjekt sich von etwas anrufen lässt und antwortet. Die Sucht ist, in dieser Lesart, eine Resonanzstörung – oder präziser: eine Resonanzverengung. Der Stoff oder das Verhalten ist die einzige Achse geblieben, auf der Selbstwirksamkeit erfahren wird. Die therapeutische Aufgabe bestünde dann nicht primär in der Bekämpfung des Suchtverhaltens, sondern in der Erschließung alternativer Resonanzachsen.
Das setzt allerdings voraus, dass solche Achsen überhaupt zugänglich sind. Bei Klienten mit langjähriger Suchtgeschichte hat die Substanz häufig alle konkurrierenden Anreizsysteme überformt. Die dopaminerge Bahnung bevorzugt den bekannten Reiz; neue Quellen intrinsischer Motivation müssen sich gegen ein neurobiologisch privilegiertes System durchsetzen. Die Orpheus-Strategie ist die anspruchsvollste – und die einzige, die auf Dauer ohne externe Stützstruktur auskommt.
Neun Tage treibt der Sturm die Flotte ab, nach dem Kap Malea, weg von jeder bekannten Route. Am zehnten Tag landet sie an einer Küste, die Homer nicht benennt. Odysseus schickt drei Männer aus, Kundschafter, die herausfinden sollen, wer hier lebt. Die Lotophagen empfangen sie ohne Gewalt, ohne List, ohne Hintergedanken. Sie bieten ihnen zu essen an. Das ist alles.
Die Kundschafter essen die Lotosfrucht, und danach wollen sie bleiben. Keine Euphorie, kein Rausch, kein Exzess – Homer erzählt die Episode in wenigen Versen, und nichts darin deutet auf Genuss. Die Männer kosten, und die Heimkehr hört auf, ein Ziel zu sein. Sie weigern sich nicht, zurückzukehren. Sie wollen nicht mehr. Der Lotos eliminiert nicht die Fähigkeit zur Heimkehr, er eliminiert den Wunsch.
Odysseus wartet nicht ab. Er schleppt die Weinenden zu den Schiffen, bindet sie unter die Ruderbänke und befiehlt sofortige Abfahrt. Alle anderen sollen an Bord, schnell, bevor noch jemand kostet. Die Flotte legt ab. Homer vermerkt, dass die Gefährten weinen. Dann rudert die Flotte weiter, und die Episode ist vorbei.
Lotos: Die Substanz, die nichts hinzufügt
Die pharmakologische Diskussion hat den Begriff des amotivationalen Syndroms hervorgebracht, zunächst im Kontext chronischen Cannabiskonsums. Die klinische Validität des Konstrukts ist umstritten; die phänomenologische Beschreibung ist es weniger. Gemeint ist ein Zustand reduzierter Zielgerichtetheit, verminderter Initiative und abgeflachter affektiver Beteiligung an Aufgaben, die zuvor bedeutsam waren. Nicht Depression. Nicht Apathie im psychiatrischen Sinn. Eher: ein Nachlassen des Zugs, der das Subjekt in die Welt hinein bewegt.
In Koob und Le Moals allostatischem Modell der Suchtentwicklung verschiebt sich der hedonische Sollwert – der hedonic set point, den Ahmed und Koob (1998) erstmals experimentell beschrieben haben – nach unten. Der Organismus reguliert nicht mehr auf das ursprüngliche Gleichgewicht zurück, sondern auf ein neues, abgesenktes Niveau. Was vorher Freude war, wird neutral. Was neutral war, wird aversiv. Die Substanz ist dann nicht mehr Quelle von Lust, sondern Mittel gegen Unlust – und alles andere hört auf, als Quelle überhaupt in Frage zu kommen.
Die Lotophagen-Episode verdichtet diesen Prozess zu einem einzigen Bild: Ein Biss, und die Heimat ist gleichgültig. Homer braucht keine Neurobiologie, um den Mechanismus sichtbar zu machen. Die Frucht nimmt nichts weg und gibt nichts dazu. Sie verändert das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem, was ihm etwas bedeutet hat.
Vergessen als Verlust der zweiten Ordnung
Was die Gefährten verlieren, ist nicht Erinnerung im deklarativen Sinn. Sie wissen vermutlich noch, dass es Ithaka gibt. Sie wollen nur nicht mehr hin. Frankfurt hat in seiner Handlungstheorie zwischen Wünschen erster und zweiter Ordnung unterschieden. Wünsche erster Ordnung sind schlicht: Ich will X. Wünsche zweiter Ordnung richten sich auf die eigenen Wünsche: Ich will, dass ich X will – oder eben nicht will. Der Süchtige, der trinken will und zugleich wünscht, nicht trinken zu wollen, hat Wünsche beider Ordnungen. Der Konflikt zwischen ihnen ist das, was ihn als Person kenntlich macht.
Die Lotophagen-Gefährten haben diesen Konflikt nicht. Sie wollen den Lotos, aber sie wollen nicht mehr, dass sie etwas anderes wollen. Die Wünsche erster Ordnung sind intakt – bleiben, essen, vergessen. Was fehlt, ist die reflexive Instanz, die zwischen konkurrierenden Wünschen hierarchisiert. In Frankfurts Begriffen: Sie sind keine Personen mehr im vollen Sinn. Sie sind, was Frankfurt „wantons“ nennt – Wesen, die wollen, ohne sich zu ihrem Wollen zu verhalten.
Frankl hat die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung als dasjenige Vermögen beschrieben, das es dem Menschen ermöglicht, sich zu sich selbst zu verhalten. Im Lotophagen-Zustand ist genau dieses Vermögen suspendiert. Nicht zerstört – die Episode endet damit, dass Odysseus die Männer zurückbringt, und nichts spricht dafür, dass der Zustand irreversibel wäre. Aber so lange er andauert, gibt es kein Subjekt, das sich zu seinem eigenen Zustand verhalten könnte. Kein Leiden am Verlust, keine Sehnsucht nach dem Verlorenen. Der Lotophage hadert nicht. Er merkt nicht, dass es etwas zu hadern gäbe.
Rosa würde hier von einer Verstummung der Resonanzachsen sprechen: Das Subjekt wird nicht mehr angerufen, es antwortet nicht mehr, und es bemerkt die Stille nicht. Die Resonanzverengung, die bei den Sirenen beschrieben wurde – eine Achse dominiert über die anderen –, hat in der Lotophagen-Episode ihre radikalste Form erreicht. Nicht eine Achse dominiert; alle Achsen außer einer sind verstummt.
Odysseus als Zwangsintervention
Odysseus reagiert, indem er die Gefährten zu den Schiffen schleppt und unter die Ruderbänke bindet. Keine Überzeugung, kein Gespräch, kein Appell. Physische Überführung gegen den erklärten – oder genauer: gegen den nicht mehr erklärungsfähigen – Willen.
Der Kontrast zur Sirenen-Episode ist instruktiv. Dort hat Odysseus die Selbstbindung gewählt: Er ließ sich binden, er formulierte die Bedingungen, er blieb Subjekt der Entscheidung. Elsters Analyse der präventiven Selbstbindung setzt genau dieses Subjekt voraus – eines, das um die Unzuverlässigkeit seiner zukünftigen Präferenzen weiß und vorsorgt. Bei den Lotophagen fehlt diese Voraussetzung. Die Gefährten haben keine Vorsorge getroffen, weil sie die Gefährdung nicht kannten. Und nachdem sie den Lotos gegessen haben, fehlt ihnen die Instanz, die Vorsorge überhaupt initiieren könnte.
In Kuhls Unterscheidung von Selbststeuerung und Selbstkontrolle wäre weder die eine noch die andere verfügbar. Selbstkontrolle operiert gegen den vorherrschenden Affekt – aber der vorherrschende Affekt ist hier kein Drang, sondern eine Stille. Selbststeuerung integriert Affekt und Kognition – aber die Kognition, die integriert werden müsste, ist abwesend. Es gibt nichts zu steuern und nichts zu kontrollieren. Es gibt nur noch den Lotos und das Vergessen.
Odysseus’ Eingriff wirft damit die Frage auf, die die Suchttherapie seit Jahrzehnten beschäftigt: Ab wann ist Fremdkontrolle legitim? Homer beantwortet sie pragmatisch, nicht philosophisch. Odysseus handelt, weil die Fahrt weitergehen muss und niemand sonst handeln kann. Die Gefährten stimmen nicht zu – sie weinen. Ob sie rückblickend zustimmen würden, erzählt Homer nicht. Die Frage bleibt offen, und sie bleibt klinisch relevant.
Die Sirenen-Episode legt nahe, dass ihre drei Strategien nicht konkurrieren, sondern einander voraussetzen. Stimulusvermeidung schafft den geschützten Raum, in dem Selbstbindung eingeübt werden kann. Selbstbindung stabilisiert das Handlungssystem, bis intrinsische Motivation tragfähig wird. Die Abfolge ist nicht zwingend linear – Rückgriffe auf frühere Strategien bleiben jederzeit möglich und indiziert –, aber die Entwicklungsrichtung ist erkennbar.
Was alle drei Strategien gemeinsam haben: Sie setzen ein Subjekt voraus, das um seine eigene Gefährdung weiß. Odysseus kennt den Gesang. Er weiß, was er anrichtet. Die Strategien unterscheiden sich nicht in der Einsicht, sondern im Umgang mit ihr.
Die Lotophagen-Episode zeigt, was geschieht, wenn diese Voraussetzung fehlt. Die Männer wissen nichts vom Lotos, bevor sie ihn essen. Danach fehlt ihnen die Instanz, die Wissen überhaupt in Handlung übersetzen könnte. In Deci und Ryans Selbstbestimmungstheorie markiert das einen Punkt unterhalb der Motivationsskala – nicht externale Regulation, nicht Introjektion, nicht Amotivation im Sinne eines Defizits an erlebter Kompetenz, sondern der Ausfall der Instanz, die überhaupt nach Kompetenzerleben suchen würde. Die Lotophagen-Episode beschreibt nicht die unterste Stufe der Motivation. Sie beschreibt den Zustand, in dem die Treppe fehlt.
Therapeutisch markiert das eine Grenze. Marlatts und Gordons Rückfallpräventionsmodell adressiert die Hochrisikosituation: den Moment, in dem Craving auf Gelegenheit trifft. Die Lotophagen-Episode liegt zeitlich und strukturell davor. Sie beschreibt nicht den Rückfall, sondern den Verlust der Instanz, die einen Rückfall überhaupt als solchen erkennen könnte. Wer nicht mehr nach Hause will, kann nicht rückfällig werden. Er ist nirgendwo, von dem aus ein Fall möglich wäre.
Was bleibt, ist Odysseus. Ein Anderer, der das Ziel noch kennt und die Kraft hat, zu handeln. In der klinischen Realität heißt das: Angehörige, Therapeuten, Institutionen, die stellvertretend die Zielperspektive aufrechterhalten, bis das Subjekt sie wieder als eigene übernehmen kann. Ob es das tut, ist nicht garantiert. Ob es das tun will, ist die falsche Frage – es setzt die Instanz voraus, die gerade fehlt.
Ob das therapeutische Korrelat des Wissens, das die Sirenen-Strategien voraussetzen, als Krankheitseinsicht, als akzeptanzbasierte Haltung oder als existenzielle Anerkennung der eigenen Begrenztheit zu fassen ist, bleibt eine offene Frage – möglicherweise eine, die sich nicht am Begriff, sondern nur am Einzelfall entscheiden lässt. Homer lässt die Gefährten weinen, als sie zurück auf die Schiffe gebracht werden. Dann rudert die Flotte weiter. Was aus dem Vergessen wurde, als die Wirkung nachließ, wird nicht erzählt. Vielleicht die realistischste Stelle des ganzen Epos.
Ahmed, S. H. & Koob, G. F. (1998). Transition from moderate to excessive drug intake: Change in hedonic set point. Science, 282, 298–300.
Apollonios von Rhodos: Argonautica.
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.
Elster, J. (1979). Ulysses and the Sirens: Studies in Rationality and Irrationality. Cambridge: Cambridge University Press.
Frankl, V. E. (2007). Theorie und Therapie der Neurosen. 9. Aufl., UTB 457. München-Basel: Ernst Reinhardt.
Frankfurt, H. G. (1971). Freedom of the Will and the Concept of a Person. Journal of Philosophy, 68(1), 5–20.
Homer: Odyssee. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Reinbek: Rowohlt, 1958.
Koob, G. F. & Le Moal, M. (2001). Drug Addiction, Dysregulation of Reward, and Allostasis. Neuropsychopharmacology, 24(2), 97–129.
Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme. Göttingen: Hogrefe.
Marlatt, G. A. & Gordon, J. R. (1985). Relapse Prevention: Maintenance Strategies in the Treatment of Addictive Behaviors. New York: Guilford Press.
Rosa, H. (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.